Woanders
Wäre jetzt gerne in Morpheus Armen, tief und fest schlafend. Stattdessen bin ich wach und müde zugleich.
Wäre jetzt gerne in Morpheus Armen, tief und fest schlafend. Stattdessen bin ich wach und müde zugleich.
Was, ist das schon so lange her?
Ein schöner Tag und ein Alptraum! Carstens Geburtstag! Frühmorgens, es war ein Sonnabend, ist die Fruchtblase geplatzt, mein Bett war nass und mein Entbindungskoffer stand noch bei meinen Eltern. Okay, es geht auch ohne frische Wäsche, Hauptsache das Kind ist gesund und die Geburt ist nicht so schmerzhaft – Klamotten kann ich mir dann immer noch bringen lassen.
MamS wird geweckt, er ist nicht begeistert, hat er doch eine schwere Seminar-Woche hinter sich und eine weitere vor sich. Er war nur übers Wochenende Daheim und wollte ausschlafen, schlafen, nichts denken und nichts lernen, schon gar keine Wirtschaftslehre oder wie man diesen oder jenen Buchstaben behandelt. Der Beruf wird ihn schon wieder einholen, nur eben an diesem Wochenende nicht. Er ahnte gar nicht, wie weit weg der Beruf geraten sollte…
„Wo steht unser Auto?“ Mitten in der Altstadt von Hameln haben wir gewohnt und Parkplätze gab es dort nicht einmal für Anwohner genug. „Achja, ich weiß es. Vor der Disco.“ Ein paar Schritte konnte ich gut laufen, nur lief mir immer noch das restliche Fruchtwasser die Beine runter.
„Wohin müssen wir eigentlich?“ „Na, zum Krankenhaus!“ „Okay! Hast du deinen Mutterpass…“ Leicht genervt bejahe ich alles.
Ich war die Ruhe selbst, es kommt wie es kommt und das Kind kommt immer raus – so oder so. Der werdende Vater hibbelte und knibbelte an den Fingernägeln, zog sich das T-Shirt verkehrt über den Kopf und suchte mal wieder seine Autoschlüssel.
„Wir sollten jetzt langsam los, die Wehen sind regelmäßig und die Abstände werden immer kürzer.“ „Ja, ja, jaaaaaaaaaaa.“
Vorm Krankenhaus haben wir das Auto einfach auf dem Behindertenparkplatz abgestellt, nichtsahnend, dass wir den später sehr oft gebrauchen werden. In der Entbindungsstation kam die Hebamme auf uns zu, fragte wie oft die Wehen kommen und wie stark sie sind. Mich hat man in ein Kabuff geführt – hinterm Vorhang schrie eine Frau – und MamS wurde nach Hause geschickt. „Das dauert noch.“ Es war 10 Minuten vor 8:00 Uhr.
Da lag ich nun! Ein Vorhang links und einer rechts. Ab und zu kam mal jemand vorbei und ansonsten langweilte ich mich zwischen den Wehen. Bald schon wurden diese stärker und heftiger, mein ganzer Körper schien zu zerspringen, Welle auf Welle, als ob jemand mich durchwalkte – kaum war es überstanden, kam die nächste schon – noch heftiger, grandioser und mit voller Wucht. Ich habe auch geschrien, ich wollte nicht mehr alleine sein, ich wollte da weg.
Irgendwann um kurz vor 11:00 Uhr waren ganz viele Menschen um mich, ein Arzt, eine Hebamme und eine Kinderkrankenschwester. Es machte flutsch und Carsten war geboren.
Ruhe, niemand sagte was. Keiner sprach. Es war unanständig still. „Was ist es? Ein Junge oder ein Mädchen?“ Der Arzt druckte sich herum: „Wir wissen nicht, ob es ein Junge oder Mädchen ist!“ Mich schauderte, was war das. Nicht wissen, ob das Kind ein Junge oder Mädchen ist. Gibt es das? Sie zeigten mir das winzige blaue Kind, eingewickelt in Windeln und noch voller Käseschmiere. Anfassen sollte ich es nicht – ich konnte auch nicht, ich stand unter Schock.
Ein Brutkasten wurde organisiert und das Kind war weg – unterwegs in die Kinderklinik!
Es war so ganz anders, als bei der 2. Geburt.
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Am 16. Mai 1898 wurde Tamara als zweites Kind der großbürgerlichen, sehr reichen Familie Gorska in Warschau geboren. Sie war 13 Jahre alt, als sie auf einer Italienreise mit ihrer Großmutter ihr Interesse an Kunst und Malerei entdeckte.
Tamara war privilegiert und wurde auf einem schweizerischen Internat in Lausanne erzogen. Ihre Mutter heiratete ein zweites Mal und aus Prostest darüber zog sie zu einer Tante nach St. Petersburg – sie wollte Luxus und ein angenehmes Leben. Sie bekam es.
1916 heiratete Tamara den polnischen Anwalt Tadeusz Lempicki. Das Paar konnte sich leisten auf großem Fuß zu leben. Sie verließen aber 1918 nach der Revolution Russland und siedelten nach Paris über. Dort wurde ihre Tochter Kizette geboren.
Tadeusz fand keine Arbeit. Und so entschloss sich Tamara zu malen in einer Richtung, die dem Zeitgeist entsprach – Art déco. Ganz geschäftsmäßig forcierte sie ihre Laufbahn. Sie nahm Maluntericht und suchte gezielt nach Ausstellungsmöglichkeiten. Sie umgab sich mit berühmten und einflussreichen Menschen, setzte ihre Schönheit ein und hatte auch bald erste Erfolge.
Modezeitschriften wurden auf sie aufmerksam, sie verkaufte erste Bilder und „La Lempicka“ war geboren. Die „schöne Polin“, wie sie in Paris der 20er und 30er Jahre genannt wurde, portraitiere in erster Linie reiche einflussreiche und vornehme Menschen der gehobenen Gesellschaftsschicht. Sie holte sich aber auch schöne Leute von der Straße und zeigte ihre Arroganz, schuf erotische Bilder, üppige makellose Körper und malte Frauen, die sowohl männliche als auch weibliche Züge hatten und wagte Neues, indem sie nackte Körper wie Maschinen oder Apparate malte.
Es kam, wie es kommen musste, die Ehe ging in die Brüche. Aber sie hatte es geschafft, sie war berühmt und erfolgreich. Es galt als schick, von ihr gemalt zu werden und ihre Bilder wurden teuerer und teurer.
Bald darauf, im Jahr 1933, heiratete sie einen ungarischen Baron und mit ihm floh sie vor den Nazis in die USA. Erst nach Beverly Hills und später nach New York.
Ihre abstrakten Bilder fanden keinen Anklang. Erst 1972, nachdem Galeristen auf eines ihrer Werke stießen, feierte Tamara ein Comeback in der Pariser „Galerie de Luxembourg“
Am 18. März 1980 starb Tamara Lempicka an ihrem Wohnsitz im mexikanischen Cuernavaka, sie war in die Reihe der größten Künstlerpersönlichkeiten aufgerückt. Sie hatte erreicht was sie wollte – reich und berühmt werden!
Ich hätte sehr gerne eines ihrer Bilder bei mir im Zimmer hängen, ich mag die Farben und die Gradlinigkeit, ich mag die Strenge und liebe Art déco. Tamaras Daten sind fast identisch mit denen meiner Oma!
Alle schlafen noch, ich sitze frischgebadet auf der Couch, stöbere hier und lese dort; mein Kaffee wird kalt, aber das stört mich nicht. Draußen ist es grau, der Schnee von gestern ist weg, die Sonne von morgen noch nicht da. Konstantin singt für mich Liebeslieder…
…MamS kommt gerade die Treppe hoch.