Tag Archiv: behindert

Fotoshooting

Für die Band “Handle With Care” habe ich heute Abend ganz viele Bilder gemacht und nun ärgere ich mich ein winzig kleines Bisschen, dass ich vergessen habe das Fotoformat zu ändern. Statt RAW ist es doch nur wieder JPG geworden.

MamS ist gerade dabei sehr professionell die Bilder zu bearbeiten. Wenn ich das Okay der Band habe, zeige ich auf deren Blog die fertigen Fotos. Es macht einen Riesenspaß mit den Mädels und Jungs zu arbeiten. Die meisten haben so gute Laune, dass sie ansteckend ist. Ich fühle mich ganz beschwingt und das, obwohl ich immer noch krank bin.

Mein Bett schreit nach mir – ich muss wohl mal hingehen!

P. S.: Handle With Care ist am 14. Juli 2012 Vorgruppe von BAP beim Gaffenbergfestival Heilbronn

Eigenartiges Gefühl

Es ist schon eigenartig, wenn man so ein Portrait über sich selber liest. Außenwirkung und innere Wahrnehmung passen nicht zusammen und doch ist es ein und dieselbe Person.

Ich sehe mich ganz anders. Natürlich weiß ich, dass ich viel geleistet habe und immer noch tue, aber für mich ist das eine Selbstverständlichkeit. Ich kann doch meine Verantwortung – damit meine ich nicht das Glucken, das ich sehr gerne tue – also ich kann diese Verantwortung nicht einfach jedem X-beliebigen übergeben. Ich weiß auch, dass ich irgendwann nicht mehr kann und deswegen war ich froh, dass mir eine Mitarbeiterin der Beschützenden Werkstätte den Vorschlag machte, doch bei dem neuen Wohnprojekt mitzuarbeiten. Kleine Wohneinheiten in einem geschützten Haus mitten in der Nachbarstadt, kein Heim im eigentlichen Sinne, sondern ein Zuhause. Es ist auch nicht unbedingt normal, dass Eltern behinderter Kinder (unsere sind ja schon lange keine Kinder mehr) sich so die Beine rausreißen. Aber, wenn es den Kindern gut geht, dann geht es den Eltern auch besser!

Danke Ursel!

Geduld ist gefragt

Herr schenke mir Geduld, aber schnell muss es gehen.

Immer noch Sparflamme und immer noch mehr liegen, als herumrennen, immer noch Husten, Kopfweh und Matsch in der Birne!

Gestern haben wir Brennholz bekommen, MamS musste alleine aufschichten. Jetzt prasselt im Kamin ein loderndes Feuer, wohlig warm und in meine Decke gekuschelt kann ich den Junioren beim Spielen zuschauen.

Der Schreck von heute Morgen sitzt mir immer noch in den Gliedern. Wiebke hat einen von mir selbst gehämmerten Silberring. In der Badewanne sitzend fummelt sie ständig an einem Finger herum.
“Wiebke was machst du denn da?”
“Nix, der tut nur ein bisschen weh!”
Ich gucke genauer und sehe, dass der Mittelfinger stark geschwollen und Blau ist. Meine Gedanken rattern, Panik macht sich in mir breit, ich fange an zu routieren. Wo ist die Seife? Oder hilft Creme besser? Oder müssen wir gar ins Kranhaus? Wiebke guckt mich verdattert an, will wahrscheinlich sagen, was hat die Alte denn? Nur wegen einem Finger, der komisch aussieht so’n Aufstand machen? Mein Töchting kann das nicht verstehen, sie ahnt die Konsequenzen nicht.
“MamS komm mal!”
“Was ist denn?” sagt eine Stimme, die leicht genervt klingt.
“Wiebke hat einen blauen Finger”, schreie ich ihn an, “ich weiß nicht was ich machen soll, ich krieg den Ring nicht ab!”
“Mach keine Panik!”
Wiebke weiß nicht was mit ihr geschieht, wir holen sie aus dem Wasser raus und MamS entdeckt unter dem Ring ein Gummiband, das die Blutzufuhr abschnürt. Mit sanfter Gewalt zerrt er das Corpus Delicti hervor – ich reiße den Gummi sofort kaputt – MamS fummelt den Siberring vom Finger und ganz langsam wird aus Blau Rot!

31 Jahre

 

Ganz anders, als bei Carstens Geburt, war es bei Wiebkes Ankunft. Aber dafür muss ich ein bisschen ausholen!

Die dritte Schwangerschaft – eine zweite war eine Fehlgeburt, bei der sich herausstellte, dass das Kind Trisomie 21 hatte (Downsyndrom) – also die dritte war nach der Vorgeschichte eine Risikoschwangerschaft. Das Kind im Mutterleib nahm nicht zu, das Köpfchen war winzig und auch sonst ging es mir nicht so prickeln. Irgendwann sprach mein Frauenarzt davon, mich stationär zu behandeln, bzw. ruhig zu stellen. Hibbelig und umtriebig, wie ich damals schon war, eine große Herausforderung für mich. Aber, im Namen des Kindes willigte ich ein und kam – entweder kurz vor  oder kurz nach Weihnachten auf die Frauenstation. Weihnachten war ich aber Zuhause, daran erinnere ich mich wirklich!

Ich durfte nicht aufstehen, musste streng liegen, noch nicht mal aufs Klo durfte ich selbstständig – eine harte Prüfung! Mit mir zusammen lag eine andere werdende Mutter, die Söckchen strickend aufrecht im Bett saß und mir ständig erzählen wollte, was sie doch alles durchgemacht hat, um endlich schwanger zu werden. -  “So ertrage sie das Leid und Elend des langen Liegens mit Fassung und Würde!” – Mir ging dies Geschwafel auf den Keks.

Eine Woche habe ich diese Dame mit ihren Vorträgen und gottesfürchtigen Gelabere ausgehalten. Walkman gab es noch nicht, um mir was auf die Ohren zu setzen und beim Lesen hat sie mich dauernd gestört. Irgendwann bin ich einfach raus aus dem Zimmer, hab mich auf den Flur gesetzt, die Beine hochgezogen und gefroren! Die Krankenschwestern, die vorbeikamen, guckten; sagten aber nichts. – Bis auf eine! Eine ältere, erfahrene Schwester sprach mich an: „Was ist los? Warum sitzen Sie hier und sind nicht im Bett?“ Da öffneten sich bei mir sämtliche Schleusen, ich plärrte los. „Da geh ich nicht wieder rein! Die Frau regt mich auf! Ich kann dieses Gewäsch nicht mehr hören! Ihr ewiges Getue, dass es ihr nur so ergeht! …und außerdem mag ich nicht mehr liegen!“ „Dass, mit dem liegen kann ich für Sie nicht ändern. Das muss sein, wenn das Kind noch wachsen soll. Sie sind erst im 7. Monat und das Baby ist noch viel zu unreif, um aus der großen weiten Welt zu bestehen. Aber, dass mit dem Zimmer, da können wir was machen.“, sagte sie und verschwand!

Pu, ja, okay!

Ich bin nie wieder in das besagte Zimmer gegangen, bzw. geschoben worden. Sogar meine persönlichen Sachen haben die Schwestern für mich geholt. Vorerst bekam ich ein Zimmer für mich allein.

So lag ich da. Woche für Woche und betete, dass das kleine Kind wachsen solle, damit es gewappnet war für das Leben.

Wir feierten Carstens Geburtstag im Krankenhaus und eine Freundin witzelte: „Schade, nun ist das auch um; Carsten bekommt kein Geschwisterchen zum Geburtstag geschenkt!“

Am Tag der Geburt meines Töchting, es war Wochenanfang, mir ging es gut, ich hatte was zu lesen und wurde verwöhnt. Nachmittags war eine Arbeitskollegin zu Besuch, wir haben Kuchen gegessen und gequatscht. Sie und MamS gaben sich die Klinke in die Hand. Da überkam mich eine Schmerzwelle. Nein, bitte nicht – es ist doch viel zu früh. Hektik, Panik, Senf an die Decke, Senf wieder runter, noch mehr Unruhe und Anspannung. Nervosität macht sich breit. Ein Arzt wurde gerufen. Zum Glück war es der Arzt meines Vertrauens. Aber was er sagte, beruhigte mich nicht.

„Wir machen einen Notkaiserschnitt, warten aber ab, bis der RTW mit dem Brutkasten aus der Kinderklinik da ist.“, sprach er und verschwand, ziemlich aufgeregt auf den Gang, er nahm MamS mit. „Hilfe, was ist da los! Was soll das bedeuten?“ Eine Wehe kam und ging, die nächste kam und ging – schon ziemlich heftig. Die Krankenschwestern machten mit mir was sie wollten, ich lies es geschehen.

Kurz vor 21:00 Uhr war der RTW da, ich war schon im OP im Land der Träume. Es ging wohl rasend schnell. Um 21:15 Uhr wurde Wiebke in die Welt gehoben und war auch schon bald das erste Mal mit Blaulicht unterwegs in eine Kinderklinik.

Bei der Geburt dabei war die alte Hebamme, die schon MamS auf die Welt bugsierte. Beide hatten sich einige zu erzählen und verwechselten so prompt den Namen des neugeborenen Kindes…

…aber das ist eine andere Geschichte.

36 Jahre

Was, ist das schon so lange her?

Ein schöner Tag und ein Alptraum! Carstens Geburtstag! Frühmorgens, es war ein Sonnabend, ist die Fruchtblase geplatzt, mein Bett war nass und mein Entbindungskoffer stand noch bei meinen Eltern. Okay, es geht auch ohne frische Wäsche, Hauptsache das Kind ist gesund und die Geburt ist nicht so schmerzhaft – Klamotten kann ich mir dann immer noch bringen lassen.

MamS wird geweckt, er ist nicht begeistert, hat er doch eine schwere Seminar-Woche hinter sich und eine weitere vor sich. Er war nur übers Wochenende Daheim und wollte ausschlafen, schlafen, nichts denken und nichts lernen, schon gar keine Wirtschaftslehre oder wie man diesen oder jenen Buchstaben behandelt. Der Beruf wird ihn schon wieder einholen, nur eben an diesem Wochenende nicht. Er ahnte gar nicht, wie weit weg der Beruf geraten sollte…

„Wo steht unser Auto?“ Mitten in der Altstadt von Hameln haben wir gewohnt und Parkplätze gab es dort nicht einmal für Anwohner genug. „Achja, ich weiß es. Vor der Disco.“ Ein paar Schritte konnte ich gut laufen, nur lief mir immer noch das restliche Fruchtwasser die Beine runter.

„Wohin müssen wir eigentlich?“ „Na, zum Krankenhaus!“ „Okay! Hast du deinen Mutterpass…“ Leicht genervt bejahe ich alles.

Ich war die Ruhe selbst, es kommt wie es kommt und das Kind kommt immer raus – so oder so. Der werdende Vater hibbelte und knibbelte an den Fingernägeln, zog sich das T-Shirt verkehrt über den Kopf und suchte mal wieder seine Autoschlüssel.

„Wir sollten jetzt langsam los, die Wehen sind regelmäßig und die Abstände werden immer kürzer.“ „Ja, ja, jaaaaaaaaaaa.“

Vorm Krankenhaus haben wir das Auto einfach auf dem Behindertenparkplatz abgestellt, nichtsahnend, dass wir den später sehr oft gebrauchen werden. In der Entbindungsstation kam die Hebamme auf uns zu, fragte wie oft die Wehen kommen und wie stark sie sind. Mich hat man in ein Kabuff geführt – hinterm Vorhang schrie eine Frau – und MamS wurde nach Hause geschickt. „Das dauert noch.“ Es war 10 Minuten vor 8:00 Uhr.

Da lag ich nun! Ein Vorhang links und einer rechts. Ab und zu kam mal jemand vorbei und ansonsten langweilte ich mich zwischen den Wehen. Bald schon wurden diese stärker und heftiger, mein ganzer Körper schien zu zerspringen, Welle auf Welle, als ob jemand mich durchwalkte – kaum war es überstanden, kam die nächste schon – noch heftiger, grandioser und mit voller Wucht. Ich habe auch geschrien, ich wollte nicht mehr alleine sein, ich wollte da weg.

Irgendwann um kurz vor 11:00 Uhr waren ganz viele Menschen um mich, ein Arzt, eine Hebamme und eine Kinderkrankenschwester. Es machte flutsch und Carsten war geboren.

Ruhe, niemand sagte was. Keiner sprach. Es war unanständig still. „Was ist es? Ein Junge oder ein Mädchen?“ Der Arzt druckte sich herum: „Wir wissen nicht, ob es ein Junge oder Mädchen ist!“ Mich schauderte, was war das. Nicht wissen, ob das Kind ein Junge oder Mädchen ist. Gibt es das? Sie zeigten mir das winzige blaue Kind, eingewickelt in Windeln und noch voller Käseschmiere. Anfassen sollte ich es nicht – ich konnte auch nicht, ich stand unter Schock.

Ein Brutkasten wurde organisiert und das Kind war weg – unterwegs in die Kinderklinik!

Es war so ganz anders, als bei der 2. Geburt.

wenigstens eins

Junioren

Da ich mich heute morgen mit einer Freundin beim Vormittagskaffeeklatsch verquatscht hatte und nachmittags die Leselehrerin von Carsten da war, hatte ich keine Zeit – neben meinen hausfraulichen Pflichten – raus zu gehen, um zu knipsen.

Aber so ganz jungfräulich wollte ich die Speicherkarte dann doch nicht in die Nacht schicken; ich bin also ins Jungszimmer geschlichen und habe meine beiden ‘Unschuldslämmer’ klammheimlich von hinten geknipst!

© 2012 piri ulbrich | 344 Tage Kuddelmuddel voller worte . | Mit schon 675 Beiträgen. | Manchmal mischt sich hier Fiktion mit Wirklichkeit.