Carstens Band — bei der Wiebke eventuell auch mitmachen darf, weil sie riesigen Spaß daran hat — die Band also, hat heute am frühen Abend einen großen Auftritt. Beim Soundcheck werde ich Fotos machen, dann muss ich leider weg. Zu gerne wäre ich beim eigentlichen Konzert dabei …
HANDLE WITH CARE, merkt euch den Bandnamen — das sind ein paar ganz Große! Sie spielen poly cozmic grooves was immer das auch beinhalten mag.
Wir sind alle schon sehr aufgeregt und freuen uns wie Bolle, nur der Sänger liegt noch im Bett und erholt sich von der gestrigen schweren Probe!
… aber immer noch ein flaues Gefühl im Magen. Das kommt nicht vom fasten — aber woher kommt es? Seit sechs Tagen faste ich und es bekommt mir zusehend besser. Zwar falle ich abends ins Bett und bin hundemüde (wie immer), doch wache ich in der Nacht nicht mehr so oft auf, wie zuvor. Das schreibe ich eindeutig dem Fasten zu.
Nach anfänglichem boykottieren hat mir MamS sogar leckere Säfte, die nicht so viel Fruktose enthalten, mitgebracht. Ansonsten trinke ich Tee Roiboschtee, Chai-Tee (den mag ich ganz besonders gerne, Chili-Kakao-Tee und grünen, schwarzen, weißen und sonstigen Tee. Neben mir steht eine rote Kanne – ich trinke und trinke und trinke und fühle mich gut!
Carstens Bandprojekt steckt nun nicht mehr in den Kinderschuhen. Das wird langsam Zeit. Nachdem ein Musikpädagoge die Leitung übernommen hat, flutsch es. Erste Auftrittstermine sind schon gebucht und nächstes Jahr spielen sie in der Schleierhalle* Werbung mit Aufkleber, Banner und Flyer gestaltet MamS. Es wird richtig professionell und das was sie spielen kann sich in der Tat hören lassen.
Kennt ihr Station 17? So ähnlich ist es – nur sind sie leider noch nicht so bekannt!
*wenn es nach meinem Sohn geht! — Übrigens ist Wiebke der erste Groupie!
Das Mundwerk funktioniert, wenn auch mit Anlaufzeit, aber immerhin. Carsten schmiedet Pläne! Die Logopädin ist ja auch da, da kann man sich doch als Mann keine Blöße geben — nee, das geht nicht! Letztens hat er mir gesagt, dass er ‘die Sarah’* zum Anbeißen nett findet. Sie mag ihn auch. — Aber wer mag Carsten nicht?
Heute ist die Stimme noch sehr kratzig. Mein Sohnemann, der Leadsänger der Band Handle With Care hat somit beschlossen, dass er viel trinken und mindestens bis zum Auftritt 1Pfund an Gewicht zulegen will. Gleich, heute Morgen fängt er damit an. Morgen ist große Probe, bei der ein Video erstellt wird (hoffentlich ist das Fieber runter) und nächste Woche große Generalprobe mit einer anderen Band zusammen und eine Woche später der erste größere Auftritt bei einem kleinen Festival einer kleinen Festivität. Wiebke ist schon ein wenig genervt, zu gerne würde sie bei dem Spektakel teilhaben. MamS und ich überlegen, was sie ganz alleine, ohne Carsten, machen kann …
Es hat keine 8 Wochen gedauert. Wiebke hatte es eilig und wollte wahrscheinlich noch vor ihrem Bruder auf die Welt kommen. Das hat sie nicht geschafft und ein Sonntagskind ist sie auch nicht geworden. Montag war es, zwei Tage nach Carstens fünften Geburtstag, den ich auch im Bett feiern musste.
Mittags hatte ich noch Besuch von einer netten Arbeitskollegin und einer Freundin, wir scherzten und gackerten wie die Gänse und lachten viel. Meine momentane Bettnachbarin war eine Ulknudel — ein bisschen sehr korpulent und wenn ihr Sohnemann nicht grade im Zimmer war, hätte man meinen können, ihre Geburt stünde unmittelbar bevor.
Mitten im Lachen durchzuckte mich ein Schmerz. Meine Freundin ist sofort raus ins Schwesternzimmer und verkündigte dort meine Vorwehen. “Das darf nicht sein! Wir geben Ihnen einen Wehenhemmer. Ihr Baby ist noch nicht so weit. Wir wollen versuchen, es im Bauch zu halten!” Mir war alles egal, völlig egal, schnurzpiepegal, aber mein Baby wollte ich noch nicht.
Inzwischen war der Chefarzt da und die alte Hebamme, die schon meinen Mann auf die Welt gebracht hatte, alle waren ein wenig nervös. Der Wehenhemmer schlug nicht an, die Wehen wurden aber auch nicht stärker. Dann haben sie MamS angerufen. Und beratschlagt. Mir war alles egal!
Als um 19:00 die Wehen immer noch kleckerlesweise kamen und die Herztöne meines Kinder immer leiser wurden, haben sie sich für einen Kaiserschnitt entschlossen. Das Team wurde zusammengetrommelt, der Kindernotarzt angerufen, der Babykrankenwagen bestellt und um halb neun war ich im OP. “Zählen Sie …” “1, 2, 2, 3, …” und trotzdem habe ich den ersten Schnitt noch gespürt — tat nicht weh. War sogar sehr beruhigend, denn ich wusste mein Baby in besten Händen.
Der Papa war diesmal sehr gefasst, Wiebke furchtbar klein — noch kleiner als Carsten und noch leichter, mit einen Kugelkopf, richtig schön rund und nicht zerdrückt. Die Neugeborene kam sofort in den Brutkasten und mit Blaulicht ging es in die Kinderklinik. Aber nicht in die, in der Carsten war. Dort war noch immer strengstes Besuchsverbot! Sie kam nach Detmold. Wiebke ist übrigens in Bad Pyrmont zur Welt gekommen.
Am anderen Morgen, ich war grade ausgeschlafen, kam die alte Hebamme in mein Zimmer, um mir zu meiner lieben Tochter zu gratulieren. Vorher hatte ich jedem und auch denjenigen, die es nicht wissen wollten, den schönen Namen Frauke anvertraut. So sollte meine Tochter heißen! “Nein, das tut mir aber leid. Ich habe heute morgen schon das Kind beim Standesamt angemeldet. Ihr Mann sagte mir, dass das Mädchen Wiebke heißen solle!” “Nein, Wiebke heißt die Puppe von Carsten. Wir hatte uns auf Frauke geeinigt.” “Geht nicht mehr zu ändern!”, sprach sie und verschwand fürs nächste.
Boah, mein Hals schwoll. Hat der Kerl doch was falsch gemacht, die Namen vertauscht. Am Nachmittag kam er dann — mit einem Polaroidbild unserer kleinen Tochter. Oh war die süß, so winzig, so klein, so blau im Gesicht …
Am nächsten Mittwoch habe ich mich selber aus dem Krankenhaus entlassen, ich hatte solche Sehnsucht nach meinem Kind. Das war inzwischen offiziell ein Junge. Viel zu klein, viel zu leicht und körperlich und geistig behindert — nicht wirklich lebensfähig aber zäh.
Carsten lag in der Kinderklinik auf der Frühchenstation und hatte für heutige Zeiten ein recht hohes Gewicht: er wog knapp über 2000g, war ca. 49cm groß und hatte leider eine starke Missbildung an der Blase (die hat er übrigens immer noch). Seine Lebenserwartung wurde als sehr gering eingeschätzt. Zum Glück gab es dort liebevolle Kinderschwestern, die sich rührend um das kleine Würmchen kümmerten. Nur, ich durfte nicht ins Zimmer — war damals nicht üblich!
Tapfer habe ich meine sprudelnde Milch abgepumpt und diese jeden Tag an der Pforte abgegeben, in der Hoffnung, dass mein Sohn diese Milch auch bekommt.
Es hieß, wenn er 2500g hat, dürfen wir ihn mit nach Hause nehmen. Doch der Kerle nahm nicht zu! Es vergingen Wochen, ich stand draußen auf dem Balkon und habe mein Kind besucht. Einen Kontakt konnte ich nicht aufbauen, ich durfte ihn nicht in den Arm nehmen, konnte ihn nicht riechen, nicht streicheln, nicht schützen! Statt zuzunehmen nahm er ab, immer mehr und nach endlos langer Zeit haben wir den ganzen Mut zusammengenommen und die Entlassung unseres Kindes auf eigene Faust veranlasst.
Ostern war vorbei und die Tulpen fingen an zu blühen. Irgendwann Ende April oder Anfang Mai (ich weiß es nicht mehr genau) haben wir eine Tragetasche gepackt, winzige Säuglingskleidung gekauft und haben unseren liebsten Sohn abgeholt, nach Hause. Er hatte immer noch keine 2000g, sah aus, wie ein Biafra-Baby (spindeldürr) und hat schon damals nicht gut getrunken. Nachts habe ich mich in den eigens dafür angeschafften Ohrensessel gesetzt und ihn stündlich mit 20ml Milch gefüttert. Ganz langsam hat er zugenommen.
Immer quietschvergnügt und ganz selten quengelig, ein liebes Kind — aber von Geburt an ein Sorgenkind, das uns mit seinen großen blauen Augen ansah und dem man niemals böse sein konnte!
Morgen hat Wiebke Geburtstag und dieses Kind ist völlig anders gewesen …
Umwandlungstage, Bauchtage, Erinnerungstage und immer wieder neue Tage!
Ich mag diese Tage, an denen ich mich verändere, an denen ich nachdenke und in mich hineinhorche. Seit einer Woche schreibe ich nur noch mit der linken Hand — ohne besonderen Anlass, nur auf den Hinweis hin, dass MamS mir sagte, er könne diese Schrift besser lesen, als die die ich mit rechts schmiere. Und wisst ihr was? Es befreit mich! Ich fühle mich viel besser und hätte schon viel früher anfangen sollen, mit meiner richtigen Hand zu schreiben. Die Umstellung macht mir kaum Schwierigkeiten, bis auf die Tatsache, dass ich nicht so schnell schreiben kann und wenn ich mit Füller schreibe, muss ich noch dringend meine Handhaltung überdenken. Denn die Hand verwischt die Schrift und somit sieht es aus, als ob ein Huhn übers Papier gekrakelt hätte. — Kommt Zeit, kommt Rat! Auch brauche ich einen dickeren Stift, ähnlich dem eines Erstklässler bzw. Zweitklässlers.
Gestern vor 34 Jahren war Sonnabend und in den frühen Morgenstunden war beim Aufwachen mein Bett nass. Praktisch, dass MamS am Tag vorher aus Hamburg wieder gekommen war und unpraktisch, dass mein Notfallkoffer noch bei meinen Eltern stand. Dort habe ich die Woche verbracht, weil eine Geburt unmittelbar bevor stand. Sind wir halt ohne Koffer ins Krankenhaus gefahren. Zum Glück war kein Schnee und Wehen hatte ich auch noch keine. War also alles ganz easy! Um halb acht war ich im Krankenhaus und kurz vor zehn war Carsten da.
Da begann die Hektik. Die Ärzte waren aufgeregt, die Hebamme ganz aufgelöst und MamS, den sie gerufen hatten, hatte seine Stiefel verkehrt an. Meinen Sohn habe ich nur kurz gesehen und auf meine Frage, was es denn nun wäre, antworteten die Schwestern: “Wir wissen nicht, ob es ein Junge oder Mädchen ist!” Das hat mich sehr verwirrt. Ich hörte nur noch, dass das Kind schnellstmöglich in die Kinderklinik gebracht wurde und dass es ernst um ihn stand. Ja, und so lag ich da. Der frisch gebackene Papa war ganz durcheinander, meine Eltern und meine Schwiegereltern waren sprachlos und irgendwann wollte ich niemanden mehr sehen. Schlafen, ich wollte nur noch schlafen!
Dumm war, das weiß ich jetzt, dass mich die Schwestern zu einer Wöchnerin ins Zimmer gesteckt hatten — ich bin in diesem Moment, in dem ich das schreibe, wieder so aufgewühlt wie an dem Tag. Die Frau wollte mich ausquetschen wie eine Zitrone … Noch dummer war, dass die Hebamme, die nach dem Schichtwechsel ins Zimmer kam und mit meiner Bettnachbarin Binden aufrollen wollte, nicht informiert war, dass ich die Mutter bin des behinderten Kindes, das am Morgen auf die Welt gekommen ist.
Sie plauderten so vor sich hin und wähnten mich schlafend. Als allerdings der neueste Tratsch von der Station erzählt wurde und die Hebamme sagte: “Wir haben heute Morgen ein Kind bekommen, dass hoffentlich nicht lange lebt, weil es so behindert ist …”, das habe ich losgeschluchzt und fürchterlich geheult. “Was hat die Frau denn?” “Ja, wissen Sie denn nicht, das ist die Mutter des kleinen Würmchen!”
Die Hebamme verließ den Raum und ward nie wieder gesehen — nicht mal ein Wort der Entschuldigung, gar nichts. Keine psychologische Unterstützung, kein Wort des Trostes von der Stationsleitung, von den Ärzten und Schwestern. Ganz allein gelassen wurden wir. Es war einfach nicht schön — und das an einem eigentlich der schönsten Tage im Leben einer Mutter.
Carsten kann inzwischen schon recht gut lesen. Jetzt bin ich auf der Suche nach Lesebüchern, die eine sehr große Schrift haben (wirklich sehr groß). Meine Bitte ist nun an die Lehrerinnen, aber auch an andere: gibt es Bücher, die nicht so schwer verständlich sind und die eine sehr große Schrift haben?