„Nein, nicht das auch noch!“ Sie steht da, mit dem Hörer in der Hand und möchte sofort zum Auto und losfahren.
„Was ist passiert? Mutti sag, was ist passiert?“ „Ich bin gestürzt.“
„Wo? Wann? Sag was – bitte, wann bist du gestürzt? Zuhause? Heute Morgen?“ „Nein, gestern!“
„Wann gestern? Du warst doch gestern noch bei mir und bist nach Hause gefahren…“ „Ich weiß nicht, wie ich auf diesen Parkplatz gekommen bin und ich weiß auch nicht, wie ich gefallen bin und wie lange ich da so lag. Irgendwann war ich wieder da und dann habe ich den Kofferraum aufgemacht und den Wein gesehen, mich erinnert, dass ich von dir kommend auf dem Weg nach Hause war; tja und dann bin ich wieder ins Auto gestiegen und weitergefahren.“
„Was hast du gemacht, du bist weitergefahren? Hast niemanden angesprochen und dich hat niemand angesprochen, dass er dir hilft?“
„Warum? Der hätte mir auch nicht helfen können!“ „Du bist 81 Jahre alt; ich finde das toll, dass du noch Auto fährst; ich fand es wunderbar, dass du, als ich meinen Hilferuf abgesetzt hatte, sofort gekommen bist – aber du musst nicht alles alleine machen! Warst du denn wenigstens, gleich als du Zuhause angekommen bist, beim Arzt?“ „Ja!“ Die Stimme wurde zögerlicher und die Tochter begann zu ahnen, dass das, was sie bislang gehört hatte noch lange nicht alles war.
„Sag mir jetzt bitte, was ist passiert?“ „Hab ich doch, ich bin gefallen…“ „…und?“ „Dabei habe ich mir die Zähne ausgeschlagen – ich wollte ja sowieso zum Zahnarzt…“
„Lass dir doch nicht alles aus der Nase rausziehen, das ist sicherlich noch lange nicht alles!“ „Na ja“, die Stimme der Mutter wurde schwächer: „meine Schulter tut mir weh und Herzbeschwerden habe ich auch…“
„Ich komme, ich kann nicht gleich kommen. Aber morgen nach dem Zukunftsgespräch setze ich mich ins Auto und komme!“ „Du musst nicht kommen, ich will das nicht, kümmere dich um deine so wichtigen Gespräche. Ich schaffe das schon alleine!“
„Wissen meine Brüder Bescheid?“ „Nein, es ist niemand zu erreichen!“
„Weiß es deine Nachbarin?“ „Ich glaube nicht!“
„Hast du es ihr gesagt?“ „Nein!“
„Ich komme, ob du willst oder nicht!“
Sie drückt auf den roten Hörer des Telefons, setzt sich und fängt an zu zittern, nimmt den Hörer wieder in die Hand und wählt eine fremde Nummer. Die Nachbarin ist nicht Daheim.
Hoffentlich, so denkt sie, ist Frau M. schon zur Mutter und guckt nach ihr.
Wieder nimmt sie das Telefon in die Hand, ruft den Bruder an und erreicht diesen nicht.
Plötzlich ist sie ganz ruhig, denkt nach, packt ihre kleine Tasche, bringt sie zum Auto, sortiert die Unterlagen für das wichtige Zukunftsgespräch, geht diese in Gedanken Schritt für Schritt noch einmal durch – und lässt sich Wasser ein. Baden hat ihr schon immer beim Nachdenken geholfen…
…morgen fährt sie los um sich um ihre Mutter zu kümmern.