An diesem Dienstag

“Die Woche hat einen Dienstag. Das Jahr ein halbes Hundert. Der Krieg hat viele Dienstage.”
An diesem Dienstag erhält Frau Hesse den Brief von der Front, daß ihr Mann zum Hauptmann befördert worden ist. Stolz zeigt sie ihn der Nachbarin: “An Frau Hauptmann Hesse”. An diesem Dienstag wird Leutnant Ehlers die zweite Kompanie übetragen, die Kompanie von Hauptmann Hesse, der sich krank gemeldet hat. Er sei ein bißchen flau geworden, seit er Hauptmann sei, befindet der Bataillonskommandant. An diesem Dienstag spielen sie die Zauberflöte. Frau Hesse sitzt mit rot geschminkten Lippen im Publikum. An diesem Dienstag fragt Schwester Elisabeth den Unterarzt, ob man dem Kranken noch etwas geben solle. Nein, sagt der so leise, als ob er sich schämt. Dann wird Hauptmann Hesse auf einer Bahre herausgetragen. An diesem Dienstag sitzt die kleine Ulla vor ihren Schulaufgaben. Zehnmal muß sie den Satz schreiben: “Im Krieg sind alle Väter Soldat.” Krieg schreibt man mit G, hat ihre Lehrerin ihr eingebleut. G wie Grube.

Wolfgang Borchert


Ich habe Wolfgang Borcherts: Draußen vor der Tür sowohl als Hörspiel gehört, als auch als Theaterstück gesehen. Beeindruckt hat mich beides – ich kann gar nicht sagen, welches mehr!

Manchmal kommt einfach alles auf einmal

„Nein, nicht das auch noch!“ Sie steht da, mit dem Hörer in der Hand und möchte sofort zum Auto und losfahren.

„Was ist passiert? Mutti sag, was ist passiert?“ „Ich bin gestürzt.“

„Wo? Wann? Sag was – bitte, wann bist du gestürzt? Zuhause? Heute Morgen?“ „Nein, gestern!“

„Wann gestern? Du warst doch gestern noch bei mir und bist nach Hause gefahren…“ „Ich weiß nicht, wie ich auf diesen Parkplatz gekommen bin und ich weiß auch nicht, wie ich gefallen bin und wie lange ich da so lag. Irgendwann war ich wieder da und dann habe ich den Kofferraum aufgemacht und den Wein gesehen, mich erinnert, dass ich von dir kommend auf dem Weg nach Hause war; tja und dann bin ich wieder ins Auto gestiegen und weitergefahren.“

„Was hast du gemacht, du bist weitergefahren? Hast niemanden angesprochen und dich hat niemand angesprochen, dass er dir hilft?“

„Warum? Der hätte mir auch nicht helfen können!“ „Du bist 81 Jahre alt; ich finde das toll, dass du noch Auto fährst; ich fand es wunderbar, dass du, als ich meinen Hilferuf abgesetzt hatte, sofort gekommen bist – aber du musst nicht alles alleine machen! Warst du denn wenigstens, gleich als du Zuhause angekommen bist, beim Arzt?“ „Ja!“ Die Stimme wurde zögerlicher und die Tochter begann zu ahnen, dass das, was sie bislang gehört hatte noch lange nicht alles war.

„Sag mir jetzt bitte, was ist passiert?“ „Hab ich doch, ich bin gefallen…“ „…und?“ „Dabei habe ich mir die Zähne ausgeschlagen – ich wollte ja sowieso zum Zahnarzt…“

„Lass dir doch nicht alles aus der Nase rausziehen, das ist sicherlich noch lange nicht alles!“ „Na ja“, die Stimme der Mutter wurde schwächer: „meine Schulter tut mir weh und Herzbeschwerden habe ich auch…“

„Ich komme, ich kann nicht gleich kommen. Aber morgen nach dem Zukunftsgespräch setze ich mich ins Auto und komme!“ „Du musst nicht kommen, ich will das nicht, kümmere dich um deine so wichtigen Gespräche. Ich schaffe das schon alleine!“

„Wissen meine Brüder Bescheid?“ „Nein, es ist niemand zu erreichen!“

„Weiß es deine Nachbarin?“ „Ich glaube nicht!“

„Hast du es ihr gesagt?“ „Nein!“

„Ich komme, ob du willst oder nicht!“

Sie drückt auf den roten Hörer des Telefons, setzt sich und fängt an zu zittern, nimmt den Hörer wieder in die Hand und wählt eine fremde Nummer. Die Nachbarin ist nicht Daheim.

Hoffentlich, so denkt sie, ist Frau M. schon zur Mutter und guckt nach ihr.

Wieder nimmt sie das Telefon in die Hand, ruft den Bruder an und erreicht diesen nicht.

Plötzlich ist sie ganz ruhig, denkt nach, packt ihre kleine Tasche, bringt sie zum Auto, sortiert die Unterlagen für das wichtige Zukunftsgespräch, geht diese in Gedanken Schritt für Schritt noch einmal durch – und lässt sich Wasser ein. Baden hat ihr schon immer beim Nachdenken geholfen…

…morgen fährt sie los um sich um ihre Mutter zu kümmern.

Mensch Mama

“Du Mama, sag mal, warum muss ich dauernd zum Frisör und Wiebke nicht? Das ist ungerecht!”
Carsten hat so recht, Wiebke würde viel lieber öfter gehen und ihrem Bruder das leidige befummelt werden abnehmen. Aber ihre langen Haare wird sie dafür nicht opfern.

Trotzdem sind in der letzen Woche ca. 10cm abgeschnitten worden – die Haare reichen jetzt nur noch bis Rückenmitte. “So lange Haare willst du gar nicht mehr haben, oder?” Wiebke guckt ihren Bruder fragend an und der nickt. “Nee, das war mir zu stressig!” Carsten hatte nämlich auch mal einen Zopf und sah damit aus, wie eine alte Frau. “Da bin ich immer blöd angemacht worden und jeder wollte wissen, wie das Leben so war.”

Ja, Geschichten erfinden, das konnte er schon immer. Jetzt sitzt er bestimmt schon im Salon und unterhält dort die Kundschaft mit Charme und Schnauze.

Der Großvater und der Enkel

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische sass und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Grossvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in einem irdenen Schüsselchen und noch dazu wurde er nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch, konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt ihn, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen.

Wie sie da so sitzen, trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. “Was machst du da?” fragte der Vater. “Ich mache ein Tröglein,” antwortete das Kind, “daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich gross bin.”

Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an und fingen endlich an zu weinen, holten sofort den alten Grossvater an den Tisch zurück und liessen ihn von nun an immer mitessen. Sagten auch nichts, wenn er ein wenig Suppe verschüttete.

Gebrüder Grimm, Der alte Grossvater und der Enkel


Fazit: Alles, was du anderen antust, kommt früher oder später auf dich zurück. Denke immer daran!

kein Titel – habt ihr einen?

In letzter Zeit bin ich in meinen Träumen oft in einem mir unbekannten Land mit hohen Bergen und vielen kleinen Seen. Die Menschen sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe, alle tun so, als ob das die natürlichste Sache der Welt sei. Ich steh bloß da und kriege nichts mit. Selbst aus ihren Gesten kann ich nicht erkennen, ob sie es gut mit mir meinen oder mich für völlig blöd halten.

Jeden Morgen bekomme ich mein Essen. Aber ich mag morgens noch keine Bratwürste mit Gürkchen und dazu Tee trinken. Es hilft alles nichts, sie stellen es mir hin, deuten an, dass ich es mir schmecken lassen soll und verschwinden einfach wieder. Den lieben langen Tag bin ich alleine, ich komme mir wie in einem goldenen Käfig vor. Zugegeben, der Garten ist wunderschön und der Zaum drumrum herrlich verziert. Die Berge wirken allerdings bedrohlich nah und das Wasser in den Seen ist kalt. So kalt, wie die Blicke der Aufseher aus der Ferne …

Ich finde kein Gartentor, keine Lücke in der wunderschön blühenden Hecke, so weit ich blicke und renne. Es ist niemand da, so sehr ich mich nach einem Gegenüber sehne.

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Zum Glück bin ich aufgewacht. Mein Mann hat mich in den Arm genommen und mir liebe Worte ins Ohr geflüstert!

© Petra Ulbrich

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Mut

Sie hatte darauf gewartet, dass sich die Situation bestimmt ändert. So vieles hatte sie nicht gemacht, weil die Situation nicht so war, wie sie glaubte, dass sie hätte sein solle.

Irgendwann bemerkte sie, dass sie ihr Leben mit warten zubrachte auf etwas, das gar nicht eintraf.

Als Kind hatte man ihr beigebracht: “Pass auf, so etwas tut man nicht…! Das ist nicht recht…! Du sollst nicht…! Dräng dich nicht vor…! Bleib bescheiden…!”

Als sie lange genug hockte, lange genug litt und sich nie traute, kam doch eines Tages der Augenblick, an dem sie aufstand und mit Mut zur Bewegung und Veränderung neugierig durch eine Tür ins Freie trat.

Ungeahnte Möglichkeiten warteten darauf von ihr gelebt zu werden.

© Petra Ulbrich

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