Gipswechsel der vierte und hoffentlich letzte

Oh je, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel streiken, dann sollte man tunlichst Zuhause bleiben. Ging aber nicht. Wiebke sollte einen neuen Gips bekommen – den letzten vor der Orthese!

Wir waren pünktlich. Auf die Minute genau! Genutzt hat es uns nichts, denn gewartet haben wir für die anderen mit.

In der Ambulanz der Orthopädischen Uniklinik Heidelberg braucht man Geduld – viel Geduld, das wussten wir. Carsten und Wiebke sind erprobte ‘Warter’ und sind selten quengelig. Meine Freundin, die mitgekommen war ist auch Schlierbach-erfahren und kennt die langen Wartezeiten. Dass es aber so lange dauern würde – um 9:00 sind wir losgefahren und um kurz nach 16:00 waren wir endlich wieder daheim! – das hatten wir nicht gedacht. Alles nur für Gipswechsel und einmal Fuß röntgen…

Jetzt ist es abzusehen, wann Wiebke endlich wieder baden kann. In drei Wochen!


“Wie geht es dir?” Ich werde es desöfteren gefragt und antworte meistens, dass ich es selber nicht weiß. Eins weiß ich jedoch ganz genau – ich halte mich aus und ich hoffe, andere auch!

Ein schöner Tag

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… um bei einer Beerdigung zu singen!
Der Verstorbene wollte so sehr gerne Regen, er hat ihn gekriegt und alle Tränen waren nicht zu sehen!


Der Himmel weint nicht mehr – es ist heiter bis wolkig geworden und das Leben ist einfach nur wunderschön.

Wunderschön? Ja, eigentlich schon – wenn nur dieser Infekt nicht wär. Diese schmerzhafte Nierenbeckenentzündung schlaucht, schlaucht mehr, als es mir lieb ist. Zwischendurch hatte ich kaum Schmerzen, ich war schon versucht, meine Medikamente abzusetzen. Da ich aber sehr gewissenhaft bin, schlucke ich weiter fleißig Antibiotika, nehme die Nebenwirkungen in Kauf und freue mich, dass kein Winter ist. Im Sommer ist es schöner krank zu sein, da stirbt es sich leichter.

Nein, ich denke nicht daran zu sterben, auf gar keinen Fall! Das Leben ist schön!

Der Mensch, den wir heute beerdigen mussten war noch nicht alt, war grad in den Ruhestand gekommen, hatte sich gefreut nun endlich das machen zu können, wozu er keine Zeit hatte und dann schlägt das Krustentier zu. Den Krebs hat er nicht besiegen können, der hat ihn geschafft. Ein Mann, wie ein Baum – plötzlich nur noch eine morsche Eiche. Scheißspiel, das Leben – es endet immer gleich! Aber warum bei manchen so früh? Eine Chorkollegin hat Lymphdrüsenkrebs, dagegen geht’s mir richtig gut. Soviel Morphium, wie sie braucht, gibt es auf Rezept nicht und so heißt es immer: “Wir tun alles, dass Sie nicht leiden müssen.” Ich könnt kotzen! Sie sucht einen Hospizplatz, einen guten – finden tut sie nur welche, in denen Menschen versorgt werden, nicht umsorgt, denn solche Plätze sind Mangelware. B. muss jetzt solange durchhalten bis jemand stirbt. Kein schöner Gedanke: Des einen Leid, des anderen Trost.

…und ich habe nur Probleme mit den Nieren – nur!? Mir reicht’s. Frau Momo fragte letztens wozu Kranksein gut ist? Tja, wozu?

31 Jahre

 

Ganz anders, als bei Carstens Geburt, war es bei Wiebkes Ankunft. Aber dafür muss ich ein bisschen ausholen!

Die dritte Schwangerschaft – eine zweite war eine Fehlgeburt, bei der sich herausstellte, dass das Kind Trisomie 21 hatte (Downsyndrom) – also die dritte war nach der Vorgeschichte eine Risikoschwangerschaft. Das Kind im Mutterleib nahm nicht zu, das Köpfchen war winzig und auch sonst ging es mir nicht so prickeln. Irgendwann sprach mein Frauenarzt davon, mich stationär zu behandeln, bzw. ruhig zu stellen. Hibbelig und umtriebig, wie ich damals schon war, eine große Herausforderung für mich. Aber, im Namen des Kindes willigte ich ein und kam – entweder kurz vor  oder kurz nach Weihnachten auf die Frauenstation. Weihnachten war ich aber Zuhause, daran erinnere ich mich wirklich!

Ich durfte nicht aufstehen, musste streng liegen, noch nicht mal aufs Klo durfte ich selbstständig – eine harte Prüfung! Mit mir zusammen lag eine andere werdende Mutter, die Söckchen strickend aufrecht im Bett saß und mir ständig erzählen wollte, was sie doch alles durchgemacht hat, um endlich schwanger zu werden. -  “So ertrage sie das Leid und Elend des langen Liegens mit Fassung und Würde!” – Mir ging dies Geschwafel auf den Keks.

Eine Woche habe ich diese Dame mit ihren Vorträgen und gottesfürchtigen Gelabere ausgehalten. Walkman gab es noch nicht, um mir was auf die Ohren zu setzen und beim Lesen hat sie mich dauernd gestört. Irgendwann bin ich einfach raus aus dem Zimmer, hab mich auf den Flur gesetzt, die Beine hochgezogen und gefroren! Die Krankenschwestern, die vorbeikamen, guckten; sagten aber nichts. – Bis auf eine! Eine ältere, erfahrene Schwester sprach mich an: „Was ist los? Warum sitzen Sie hier und sind nicht im Bett?“ Da öffneten sich bei mir sämtliche Schleusen, ich plärrte los. „Da geh ich nicht wieder rein! Die Frau regt mich auf! Ich kann dieses Gewäsch nicht mehr hören! Ihr ewiges Getue, dass es ihr nur so ergeht! …und außerdem mag ich nicht mehr liegen!“ „Dass, mit dem liegen kann ich für Sie nicht ändern. Das muss sein, wenn das Kind noch wachsen soll. Sie sind erst im 7. Monat und das Baby ist noch viel zu unreif, um aus der großen weiten Welt zu bestehen. Aber, dass mit dem Zimmer, da können wir was machen.“, sagte sie und verschwand!

Pu, ja, okay!

Ich bin nie wieder in das besagte Zimmer gegangen, bzw. geschoben worden. Sogar meine persönlichen Sachen haben die Schwestern für mich geholt. Vorerst bekam ich ein Zimmer für mich allein.

So lag ich da. Woche für Woche und betete, dass das kleine Kind wachsen solle, damit es gewappnet war für das Leben.

Wir feierten Carstens Geburtstag im Krankenhaus und eine Freundin witzelte: „Schade, nun ist das auch um; Carsten bekommt kein Geschwisterchen zum Geburtstag geschenkt!“

Am Tag der Geburt meines Töchting, es war Wochenanfang, mir ging es gut, ich hatte was zu lesen und wurde verwöhnt. Nachmittags war eine Arbeitskollegin zu Besuch, wir haben Kuchen gegessen und gequatscht. Sie und MamS gaben sich die Klinke in die Hand. Da überkam mich eine Schmerzwelle. Nein, bitte nicht – es ist doch viel zu früh. Hektik, Panik, Senf an die Decke, Senf wieder runter, noch mehr Unruhe und Anspannung. Nervosität macht sich breit. Ein Arzt wurde gerufen. Zum Glück war es der Arzt meines Vertrauens. Aber was er sagte, beruhigte mich nicht.

„Wir machen einen Notkaiserschnitt, warten aber ab, bis der RTW mit dem Brutkasten aus der Kinderklinik da ist.“, sprach er und verschwand, ziemlich aufgeregt auf den Gang, er nahm MamS mit. „Hilfe, was ist da los! Was soll das bedeuten?“ Eine Wehe kam und ging, die nächste kam und ging – schon ziemlich heftig. Die Krankenschwestern machten mit mir was sie wollten, ich lies es geschehen.

Kurz vor 21:00 Uhr war der RTW da, ich war schon im OP im Land der Träume. Es ging wohl rasend schnell. Um 21:15 Uhr wurde Wiebke in die Welt gehoben und war auch schon bald das erste Mal mit Blaulicht unterwegs in eine Kinderklinik.

Bei der Geburt dabei war die alte Hebamme, die schon MamS auf die Welt bugsierte. Beide hatten sich einige zu erzählen und verwechselten so prompt den Namen des neugeborenen Kindes…

…aber das ist eine andere Geschichte.

Medizinischer Dienst

  Habt ihr es gehört? Nein? Habt ihr nicht den Plumps gehört? Der Plumps vom Stein, der mir vom Herzen gefallen ist?  Dabei war der so laut und kräftig!

Wir haben es überstanden, die Begutachtung des Medizinischen Dienstes. Es ging um erhöhte Betreuungsleistungen und damit verbunden, dass Carstens Kurse (sein Lese- und Schreibkurs, die Offenen Treffs und die Teilnahme an der Band) darüber abgerechnet werden können. Teilhabe am öffentlichen Leben! Ja! Carsten bekommt das Geld. Und vielleicht kriegen wir auch noch einen Bonus obendrauf. Denn die Gutachterin hat davon gesprochen, dass sie befürwortet, dass Carsten Pflegestufe 3 zugesprochen wird. Ich habe schon gar nicht mehr dran geglaubt… Wie lange kämpfen wir da drum? Seit es die Pflegeversicherung  gibt. Also seit 1995. Ein endloser Kampf – hoffentlich ist er jetzt bald zu Ende.

Niemand, mit dem ich bis dato gesprochen hatte, konnte verstehen, dass der Kerle nicht in der höchste Pflegestufe ist. Kein Arzt, keine Krankenschwester, keine Sozialarbeiterin, Keine Erzieherin und schon gar nicht die ‘Normalsterblichen’, die von Pflege keine Ahnung haben. -Ironie aus – Nur die Mitarbeiter des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) waren der Meinung, Carsten wäre nicht so schwer behindert und bräuchte auch nachts keinerlei Hilfe.

Endlich ist mal jemand gekommen, der den Pflegeaufwand sieht. Es war eine ehemalige Krankenschwester, die (welch Schicksal) Carsten einmal selbst im Krankenhaus versorgt hat. Bitte, lasst sie nicht als ‘voreingenommen’ beurteilt werden! Ich wollte gar keine Höherstufung, ich wollte nur, dass die Betreuungsleistungen angemessen dem Umfang sind. Dass es nun vermutlich ganz anders kommt, ist mir natürlich sehr recht.

Aber, noch ist nichts in trockenen Tüchern, noch ist nichts entschieden, noch kann alles anders kommen. Bitte drück mit mir die Daumen…

kurzer Aufenthalt

Wir sind wieder Daheim; der Kerle spielt, als ob nichts war, nur sein Gesicht ist noch arg verschwollen.

Die Wespe hat ihn knapp unterm Auge getroffen. Gestern konnte Carsten nicht mehr gucken und geschnauft hat er, wie ein knallrotes Dampfross. Wegen der Wespenstichallergie war es nötig den Notarzt zu holen und ins Krankenhaus zu fahren.

Dramatisch

Die Männer waren beim Handball als es passierte, zu Fuß. Während des Spiel merkt MamS, dass mit Carsten was nicht stimmt. Er schnappt sie den Rollstuhl und will heim. Auf dem Weg nach Haus ruft MamS hier an (zum Glück hatte er ausnahmsweise sein Handy dabei — er meint immer, er braucht es sowieso nicht) und fragt mich, was zu machen sei. Ich habe die Rettung angerufen und fast gleichzeitig waren beide vor der Haustür. Carsten war ein roter Luftballon! Blöd war, dass die Sanitäter und später auch der Notarzt die Venen nicht getroffen haben und den Zugang nicht legen konnten. 5 (fünf) mal haben sie den armen Jungen gestochen bis endlich der Tropf angeschlossen werden konnte. 5 (fünf) mal hat er nur gewimmert. Wiebke war ganz aufgelöst und furchtbar besorgt um ihren Bruder. Der bekam immer weniger Luft.

Ins Krankenhaus

Als wir endlich dort waren begann eine Odyssee. In der Kinder- und Jugendklinik war kein Bett frei. Schlichtweg; sie wollten ihn nicht haben! (ich werde noch mal recherchieren und eventuell einen kleinen Brief schreiben.) Die ‘innere’ war rappelvoll bis ins Bad. “Fahren wir zur Hautklinik!” Ja, okay, aber auch da war kein Bett frei. “Wespen sind diese Jahr sehr aggressiv und stechen häufiger.” erzählte die nette junge, sehr junge Ärztin. Und dann hat sie herumtelefoniert … Nirgendwo ein Zimmer, kein Bett frei. Der Notarzt und das Rettungsteam standen immer bei uns, denn Carsten lag auf deren Liege. — Wenn jetzt im südlichen Landkreis ein Notfall war, so hatte dieser Patient schlechte Karten, denn das Team war ja im Krankenhaus und kam nicht weg. Carsten war aber stabil und es ging im (fast) richtig (wieder) gut. Nur, es gab kein Bett!

Endlich

Endlich hatten wir ein Zimmerchen – in der Urologie, bei alten Tattermännern mit Inkontinenz und Pipi neben dem Klo – brrr, igitt!

Carsten hatte auch endlich seine Infusion und ein Schlafmittel und brauchte sich nicht mehr kratzen, weil es so juckte. Knallrot war er immer noch, aber wenigstens schnaufen konnte er wieder normal. Dem Kortison sei Dank!

Die Nacht war ruhig, nur ich konnte kaum schlafen.

Morgens wurde das Bett dann wieder verschoben, einmal quer durch’s Krankenhaus, zurück in die Hautklinik. “Alles okay! Sie dürfen heim!”

…und jetzt spielt der Kerle am Computer.


Nachtrag um 11:21 Uhr: Übrigens bin ich jetzt fix und alle!

Gedanken am Morgen

Manchmal geht mir schon was ab — das Arbeiten! Aber wirklich nur manchmal. Oft denke ich; was für ein Privileg ist es, Zuhause bleiben zu können. Gerade an solchen Tagen, an denen mein Kopf dröhnt, ohne Ende, und es bestimmt wieder heiß und drückend werden wird. Drückend ist die Luft jetzt schon …

Drückt auf meine Bronchien, die nicht frei werden können, drückt auf meine Seele – wie ein Stein oder wie das Eisenband beim Froschkönig. Erst letztens hat mir mein Lungenarzt wieder angedroht, mich ins Spezialkrankenhaus zu verfrachten. Ich will nicht, ich will das nicht sehen, will nicht krank sein, will gesund sein und bleiben. Ich hasse Krankenhäuser, ich habe schon viel zu viele gesehen und hab die Schnauze voll. Was soll es denn auch bringen?

Heute Nacht habe ich eine Wunschliste gemacht und festgestellt, dass das ganz schöne Hirngespinste sind. Wer bin ich denn? Aber, indem ich immer daran denke, was andere denken könnten, vergesse ich ganz zu leben. Es geistert und geistert und geistert in meinem Kopf — ich möchte malen, diese kleinen Portraits und diese Fitzelbilder. Ich möchte Gedichte schreiben, aber ich brauche auch jemanden, der mich an die Hand nimmt. (ja, die immer wiederkehrende Litanei!) Dass mich jemand führen kann, dazu muss ich aber auch die Hand ausstrecken und aus meinem Turm kommen …

Gestrüpp überall, Dornen, Disteln – ja Disteln können schön sein und die herrlichsten Rosen haben Dornen! Rosen haben keine Dornen, Rosen haben Stacheln, so wie ich. Stachelig, wie ein Igel – ausgefahren um sich zu schützen und sich abzugrenzen. Abgrenzen von der Allgemeinheit, arrogant? Mag sein!

Los! Anziehen! Schmerzmittel nehmen, Lungenmedikamente inhalieren und ran ans Leben …

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