Ja, mach doch! Das ist leicht gesagt und schwer getan. Ich möchte das ehemalige Zimmer vom MamS für mich einrichten, möchte dort schlafen. So wäre ich auf der gleichen Ebene wie meine Kinder.
Ich habe bloß kein Bett, nur eine Matratze und der Schreibtisch ist ein Monstrum…
Meine Hoffnung mir dabei zu helfen, war mein Bruder, der uns besuchen kommen wollte und dem nun sein altes Auto einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Was fährt der auch nen Oldtimer? 40 Jahre muss so ein Auto alt sein und eine vierzigjährige Amazone hat manchmal Mucken.
MamS (Mann an meiner Seite) steht sofort auf, sobald der Wecker auch nur einen Ton von sich gegeben hat. Es ist 7 Minuten vor 6 Uhr!
Ich selber höre die Dudelmusik zwar, dreh mich aber noch mal um und döse noch ein Weilchen, höre die Anstöße im Radio, danach die Nachrichten und noch ein bisschen Musik über die ich mich regelmäßig aufrege, weil sie so blöd ist.
Viertel nach sechs bin ich so weit, dass ich schnell ein paar gymnastische Übungen im Bett mache um in die Gänge zu kommen. Dann aber hopp, raus, rein in die Klamotten, ein Lied auf den Lippen und rauf (wir schlafen im Souterrain) Kaffee trinken.
Um halb sieben werden die Junioren geweckt. Na ja, eigentlich nicht geweckt, denn sie sind schon wach, mögen nur nicht aufstehen.
Wiebke singt fröhliche Wuppalieder und Carsten dreht, sobald Strom da ist, sein Radio auf volle Lautstärke! Herrlich aus 2 Richtungen höre ich Gedröhne! Meine Lieder kann ich vergessen!
Jeden Morgen badet bei uns einer der Junioren. Jeden zweiten Morgen wasche ich Carstens Bett, weil der Kerle ohne Windeln schläft. Jeden Morgen gibt es ein kleines Theaterstück, das inzwischen Bühnenreif ist. “Ich will nicht baden!” Ich will nicht Haare waschen!” Ich will nicht rasiert werden!” Ich will nicht Haare föhnen!”
Die Klamotten, die ich für Wiebke herausgesucht habe, sind natürlich nicht die richtigen. Mein Argument doch am Abend vorher gemeinsam zu schauen wird zerschlagen, weil sie abends ja gar keine Zeit mehr dazu hat. – So muss sie, wohl oder übel, das anziehen, was ich raus suche! “Dann pinkel ich eben in die Hose und im FuB (Förder- und Betreuungsbereich der Behindertenwerkstatt) ziehn die mich dann um!”
Carsten dagegen ist es völlig egal was er anziehen soll; Hauptsache warm und sauber!
Gefrühstückt wird nicht wirklich. Wiebkes Müsli packe ich in schöner Regelmäßigkeit ein, dass sie es in der Vesperpause im FuB essen kann. Carsten weigert sich schon seit ca. 2 Jahren und trinkt seinen Kaffee in Hockstellung im Wohnzimmer während er noch das eine oder andere Raumschiff zusammenbauen muss.
MamS verschwindet auf der Terrasse und raucht. Wiebke schimpft ihren Papa aus und hält ihm einen Vortrag über die Schädlichkeit des Rauchens – jeden Morgen! MamS schenkt ihr Cola in die Vesperflasche und wie jeden Morgen sagt Wiebke: “Ich brauch das nicht, wir haben selber was!” Und wie jeden Morgen stellt sie die Flasche demonstrativ auf den Tisch und (fast) jeden Morgen muss ich diese, wenn der Bus vor der Tür steht, doch noch holen und ihr nachtragen!
MamS zieht sich an und in letzter Zeit erzählt er, dass er nur noch 9, 8, 7, oder werweißwieviele Tage ‘das’ noch machen muss und er dann morgens einfach liegen bleiben kann. Ich sag’ ihm dann, dass er trotzdem aufstehen muss…
Halb acht steht der Bus vor der Tür! Halb acht sollte Wiebke ihre Schuhe anhaben. Es ist aber nicht so einfach, ihr die Schuhe anzuziehen; die Füße sind krumm und schief und die Schuhe gerade. Wir schaffen es immer, dass unser Töchting warme Füße hat. Okay, richtig warm halten auch die wärmsten gefütterten Lammfellstiefel nicht – aber wir haben ja noch keinen Winter!
Fünf Minuten nach halb acht stelle ich mir meinen Leib- und Magensender (Deutschlandradio) ein und trinke endlich meine zweite Tasse Kaffee!
Mir hängt eine Träne im Knopfloch. Rund um uns her entstehen neue Menschlein! Die Kinder der Gleichaltrigen werden Eltern. Manchmal, so scheint es mir, sehe ich nur noch schwangere Töchter oder Kinderwagen schiebende Söhne. Es ist so schön, dass wieder mehr Babys geboren werden. Jedenfalls sehe ich das so.
Bei unserem Ausflug heute im Freilandmuseum wuselte es nur so von kleinen Kindern und stolzen Großeltern. Opas schaukelten mit Hosenmätzen auf der Schiffsschaukel und Omas kauften ihren Enkeltöchtern bunte Blumenkränze. Stolze junge Väter nahmen ihre Kinder huckepack und emanzipierte Mütter hatten keine Scheu ihre Babys in aller Öffentlichkeit zu stillen…
Es ist schön! Kinder sind unsere Zukunft, unserer aller Zukunft. Ich mag Kinder und ich mag sogar ihr Geschrei. Natürlich mag ich noch lieber ihr Lachen und das Fröhlichsein.
Unter dem Baum sitzend, konnten wir zuschauen, wie kleine Menschen, Kastanien sammeln und mit Laub spielen …
… doch ein bisschen Wehdam kommt auf; ich werde niemals Enkelkinder haben.
Carsten und Wiebke haben eine ehemalige Unterrichtshelferin getroffen. Diese war damals eine junge Frau, bald bekommt ihre Tochter das erste Kind.
Nichts machen, fällt ganz schön schwer. Mir; jedenfalls wenn ich kein Fieber mehr habe. Nichts machen, ist anstrengend. Ich weiß nicht wohin mit meinen Händen – dabei tu ich sonst auch nicht viel damit – Bücher halten! Zählt das? Nichts tun, einfach daliegen ohne zu schlafen, da kribbelt es mich, da muss ich aufstehen und hier ein bisschen puzzeln und da was umstellen oder einen Stift in die Hand nehmen. Nichts machen, schließt ja denken auch aus. Ich kann nicht nicht denken! Aber das muss man können um nichts machen zu können. Wenn ich nichts mache, dann schlafe ich und dann tu ich ja auch schon wieder was!
MamS kann stundenlang nichts tun. Er sitzt im Garten oder im Café und sitzt – mehr nicht. Ich werde immer wuschiger, aber der Mann sitzt. Noch nicht mal reden tut er – ist reden im Nichtstun verboten?
“Was machst du?” “Nichts!” “Hmmhmm, wie geht das?” -keine Antwort- denn das Nichtstun hat ihn wieder voll im Griff.
Nee, heute habe ich noch kein Feuer gemacht. Das hier ist von gestern Abend. MamS saß (nein, er lag) auf seinem Sofa und schaute Fußball und ich war bekleistert, mit Maske und Haarkur…
“Was wünscht du dir zum Geburtstag!” kam die Frage von rechts.
Oh, da hatte er mich auf dem falschen Fuß erwischt. Was wünsche ich mir denn? Einen Malkurs? Oder einen Schreibkurs? Oder was für die Fotokamera? Eigentlich wünsche ich mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit, konstruktive Kritik und ‘nen Tritt in den Hintern, dass ich endlich mein Zimmerchen aufräume…
“Ich habe keine Ahnung,” und das meinte ich auch so, “die Zeit, die ich mir mit dir wünsche, kannst du dir leider nicht aus den Rippen schneiden. Aber schenk mir ein gutes Buch und einen großen Blumenstrauß!”
“Na, da muss ich mir wohl selber was ausdenken!”, sprach MamS und guckte wieder den Fußballspielern beim Kicken zu.