Tag Archiv: Wiebke

31 Jahre

 

Ganz anders, als bei Carstens Geburt, war es bei Wiebkes Ankunft. Aber dafür muss ich ein bisschen ausholen!

Die dritte Schwangerschaft – eine zweite war eine Fehlgeburt, bei der sich herausstellte, dass das Kind Trisomie 21 hatte (Downsyndrom) – also die dritte war nach der Vorgeschichte eine Risikoschwangerschaft. Das Kind im Mutterleib nahm nicht zu, das Köpfchen war winzig und auch sonst ging es mir nicht so prickeln. Irgendwann sprach mein Frauenarzt davon, mich stationär zu behandeln, bzw. ruhig zu stellen. Hibbelig und umtriebig, wie ich damals schon war, eine große Herausforderung für mich. Aber, im Namen des Kindes willigte ich ein und kam – entweder kurz vor  oder kurz nach Weihnachten auf die Frauenstation. Weihnachten war ich aber Zuhause, daran erinnere ich mich wirklich!

Ich durfte nicht aufstehen, musste streng liegen, noch nicht mal aufs Klo durfte ich selbstständig – eine harte Prüfung! Mit mir zusammen lag eine andere werdende Mutter, die Söckchen strickend aufrecht im Bett saß und mir ständig erzählen wollte, was sie doch alles durchgemacht hat, um endlich schwanger zu werden. -  “So ertrage sie das Leid und Elend des langen Liegens mit Fassung und Würde!” – Mir ging dies Geschwafel auf den Keks.

Eine Woche habe ich diese Dame mit ihren Vorträgen und gottesfürchtigen Gelabere ausgehalten. Walkman gab es noch nicht, um mir was auf die Ohren zu setzen und beim Lesen hat sie mich dauernd gestört. Irgendwann bin ich einfach raus aus dem Zimmer, hab mich auf den Flur gesetzt, die Beine hochgezogen und gefroren! Die Krankenschwestern, die vorbeikamen, guckten; sagten aber nichts. – Bis auf eine! Eine ältere, erfahrene Schwester sprach mich an: „Was ist los? Warum sitzen Sie hier und sind nicht im Bett?“ Da öffneten sich bei mir sämtliche Schleusen, ich plärrte los. „Da geh ich nicht wieder rein! Die Frau regt mich auf! Ich kann dieses Gewäsch nicht mehr hören! Ihr ewiges Getue, dass es ihr nur so ergeht! …und außerdem mag ich nicht mehr liegen!“ „Dass, mit dem liegen kann ich für Sie nicht ändern. Das muss sein, wenn das Kind noch wachsen soll. Sie sind erst im 7. Monat und das Baby ist noch viel zu unreif, um aus der großen weiten Welt zu bestehen. Aber, dass mit dem Zimmer, da können wir was machen.“, sagte sie und verschwand!

Pu, ja, okay!

Ich bin nie wieder in das besagte Zimmer gegangen, bzw. geschoben worden. Sogar meine persönlichen Sachen haben die Schwestern für mich geholt. Vorerst bekam ich ein Zimmer für mich allein.

So lag ich da. Woche für Woche und betete, dass das kleine Kind wachsen solle, damit es gewappnet war für das Leben.

Wir feierten Carstens Geburtstag im Krankenhaus und eine Freundin witzelte: „Schade, nun ist das auch um; Carsten bekommt kein Geschwisterchen zum Geburtstag geschenkt!“

Am Tag der Geburt meines Töchting, es war Wochenanfang, mir ging es gut, ich hatte was zu lesen und wurde verwöhnt. Nachmittags war eine Arbeitskollegin zu Besuch, wir haben Kuchen gegessen und gequatscht. Sie und MamS gaben sich die Klinke in die Hand. Da überkam mich eine Schmerzwelle. Nein, bitte nicht – es ist doch viel zu früh. Hektik, Panik, Senf an die Decke, Senf wieder runter, noch mehr Unruhe und Anspannung. Nervosität macht sich breit. Ein Arzt wurde gerufen. Zum Glück war es der Arzt meines Vertrauens. Aber was er sagte, beruhigte mich nicht.

„Wir machen einen Notkaiserschnitt, warten aber ab, bis der RTW mit dem Brutkasten aus der Kinderklinik da ist.“, sprach er und verschwand, ziemlich aufgeregt auf den Gang, er nahm MamS mit. „Hilfe, was ist da los! Was soll das bedeuten?“ Eine Wehe kam und ging, die nächste kam und ging – schon ziemlich heftig. Die Krankenschwestern machten mit mir was sie wollten, ich lies es geschehen.

Kurz vor 21:00 Uhr war der RTW da, ich war schon im OP im Land der Träume. Es ging wohl rasend schnell. Um 21:15 Uhr wurde Wiebke in die Welt gehoben und war auch schon bald das erste Mal mit Blaulicht unterwegs in eine Kinderklinik.

Bei der Geburt dabei war die alte Hebamme, die schon MamS auf die Welt bugsierte. Beide hatten sich einige zu erzählen und verwechselten so prompt den Namen des neugeborenen Kindes…

…aber das ist eine andere Geschichte.

wenigstens eins

Junioren

Da ich mich heute morgen mit einer Freundin beim Vormittagskaffeeklatsch verquatscht hatte und nachmittags die Leselehrerin von Carsten da war, hatte ich keine Zeit – neben meinen hausfraulichen Pflichten – raus zu gehen, um zu knipsen.

Aber so ganz jungfräulich wollte ich die Speicherkarte dann doch nicht in die Nacht schicken; ich bin also ins Jungszimmer geschlichen und habe meine beiden ‘Unschuldslämmer’ klammheimlich von hinten geknipst!

nicht nur blockiert

Da habe ich mich hingesetzt, um einen Rock für mich zu nähen – so ganz ohne Schnitt und einfach easy. Dachte ich!
Nebenbei ist mir eingefallen, das Gästebett abzuziehen und zu waschen.
Dann habe ich das Gästebad angeguckt und gemeint, ich könnte es g’schwind putzen.
Handtücher in die Waschküche …
Dort lag Bügelwäsche …
… und Carstens Bett (er hat diese Nacht ohne Windel geschlafen) musste auch in die Waschmaschine.
Aber dann, ran an die Nähmaschine …
Denkste!
Wiebke ruft nach mir, sie möchte Kakao!
Die Wäsche ist fertig!
Bettbezüge aufhängen.
Matratzenschoner und Bettdecke in den Trockner.
Halt – das Kissen nicht vergessen.
Wiebke hat in die Hose gepinkelt – aber nur ein ganz klein wenig – trotzdem umziehen.
Dunkle Wäsche waschen, darunter auch die Pisshose.
Ich hole mir mein Buch, das mit der Giraffe:

Der Hals der Giraffe

Anpassung ist alles, weiß Inge Lohmark. Schließlich unterrichtet sie seit mehr als dreißig Jahren Biologie. Daß ihre Schule in vier Jahren geschlossen werden soll, ist nicht zu ändern – in der schrumpfenden Kreisstadt im vorpommerschen Hinterland fehlt es an Kindern. Lohmarks Mann, der zu DDR-Zeiten Kühe besamt hat, züchtet nun Strauße, ihre Tochter Claudia ist vor Jahren in die USA gegangen und hat nicht vor, Kinder in die Welt zu setzen. Alle verweigern sich dem Lauf der Natur, den Inge Lohmark tagtäglich im Unterricht beschwört. Als sie Gefühle für eine Schülerin der 9. Klasse entwickelt, die über die übliche Haßliebe für die Jugend hinausgehen, gerät ihr biologistisches Weltbild ins Wanken. Mit immer absonderlicheren Einfällen versucht sie zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

…sehr empfehlenswert!

Carsten nöckelt, aber MamS kümmert sich um den Zornbolzen.
Wiebke ist ganz fürsorglich und will ihn trösten – er ignoriert sie und sie ist untröstlich beleidigt.

Ich stelle die Nähmaschine wieder ins Eck!

… Montag wird genäht, dann sind alle wieder unterwegs (die Ferien sind vorbei) – die Junioren im Förder- und Betreuungsbereich und MamS im Büro.

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Außerdem ist mir furchtbar kalt – ich friere und mein Nacken schreit: KAKAO

Du Mama

Wiebke guckt Carsten an und er guckt zurück. Beide gucken mich an und beide knickern und stoßen sich gegenseitig an. Was ist da bloß im Busche?

“Du Mama,” kommt es schließlich von Carsten “da liegen noch zwei rote eingewickelte Päckchen aus dem Paket von Bibi Blocksberg. Können wir die nicht mal auspacken?” Ich wollte diese glitzernden Geschenke eigentlich bis Weihnachten aufheben, habe mich dann aber doch breitschlagen lassen. Ute, du hast genau ins Schwarze getroffen. “So eine tolle Tasse habe ich mir schon lange gewünscht!” “Oh, ist die klasse! Mit Pinguinen drauf – ich liebe Pinguine.” Dass Wiebke Pinguine liebt, hatte ich bis dato nicht gewusst, aber wahrscheinlich liebt sie alles, was Flügel hat. Das Plüschpinguinchen musste bei beiden am Abend mit ins Bett; Wiebke hat es schon getauft und nun riecht es unmissverständlich nach meiner Tochter. Carsten hatte es im Arm und es hat ihn – seine Aussage – vor bösen Träumen beschützt. Danke, ganz herzlichen Dank!

gewonnen

Gestern erst in der Erzieher/innenschule und heute kam der Anruf von der Krankenkasse. Pflegestufe 3 und erhöhter Betreuungsbedarf für Carsten – alles glatt (höhö, hat schließlich ganz schön lange gedauert) durchgegangen. Hört ihr den Stein plumpsen?

Gestern war es gut! Wir waren eingeladen, angehenden Horterziehern etwas über behinderte Menschen zu erzählen.Über Inklusion und Integration wurde diskutiert und was der Unterschied ist. S., ein behinderter junger Mann  -  Mitglied des Werkstattrates einer Beschützenden Werkstatt und sehr engagiert darin, Menschen Menschen nahe zu bringen – hat ein eindrucksvolles Plädoyer gehalten. Er wurde ganz enthusiastisch, erzählte aber unaufgeregt, wie er Inklusion sieht und wie sie grade gelebt wird. Nämlich kaum!

Die jungen Leute waren ganz perplex und hatten das nicht von behinderten (zumal sie geistig behindert sind) erwartet. Carsten hat sie in den Bann gezogen und Wiebke war ganz schüchterne junge Frau. Ich habe ein bisschen aus unserem Leben erzählt und über unsere Schwierigkeiten im Umgang mit normalen Menschen.

Ich gehe immer gerne in diese Erzieherschule. Wir reden miteinander und können aufklären, dass behinderte Menschen ganz normal sind. Reden hilft – immer!


Gestern Abend habe ich dann endlich baden können, bin früh ins Bett und heute sieht die Welt für mich schon wieder schön aus. Und das, obwohl es draußen stürmt, schräg regnet, össelig kalt ist und der Himmel Trauerkleidung trägt. Ich habe schon eingekauft, auch für Weihnachten, und muss jetzt ins Nass, um die Köstlichkeiten auch ins Haus zu schaffen.

Aber erst mal gibt es Kaffee – ich will ja nicht gleich wieder völlig ausgepowert in den Seilen hängen!

Advent kann kommen

…oder diese Überraschungen sind gelungen:

Ute du gute, du hast uns eine große Überraschung bereitet – mit deinem großen Paket! Ich mag jetzt sogar Bibi Blocksberg wieder richtig gut leiden. Dankeschön.
:herz: Herzliches Dankeschön, wir haben noch nicht alles ausgepackt, der Advent beginnt ja erst. Aber so kann er wunderschön werden!

Bonafilia, guck, der Flieger hängt. Die Söckchen müssen nur noch befüllt werden. Hab alles schon in der Küche liegen und werde mich morgen früh ans Werk machen.

Das Kruzifix ist von meinem Vater und ich wollte es unbedingt. Es ist was besonderes, denn es ist schwarz/weiß. Deswegen, weil niemand so ganz genau sagen kann, ob Jesus ein dunkelhäutiger oder hellhäutiger Mensch war. Ich habe meine Mutter bekniet, es mir zu schenken und sie breitgeschlagen, nun hängt es bei uns im Eingang.

Meine Bauchschmerzen sind noch nicht weg – ich hatte Alpträume – und hab’ sie immer noch. Ganz schlimme Dinge passieren; ich falle ins Bodenlose; die Kinder haben Fratzen und werden durch die Luft geworfen… Fragt nicht nach – es ist nicht schön!


Das Buch, das ich gerade lese, heißt Bumerang und ist von Tatiana de Rosnay:

Zu ihrem vierzigsten Geburtstag lädt Antoine seine Schwester Mélanie übers Wochenende auf die Insel Noirmoutier ein, wo sie als Kinder die Sommermonate verbrachten. Seit dem Tod der Mutter vor dreißig Jahren waren sie nicht mehr dort. Auf der Fahrt zurück nach Paris sitzt Mélanie am Steuer, sie ist schweigsam, angespannt.

Als sie ansetzt, ihrem Bruder etwas zu erzählen, verliert sie die Kontrolle über den Wagen. Mélanie wird schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert, Antoine dagegen bleibt unversehrt.

Entschlossen, herauszufinden, was seine Schwester so sehr erschüttert hat, spürt er einem Familiengeheimnis nach, das sich um seine Mutter zu ranken scheint. Und stößt auf ein Bündel Liebesbriefe …

© 2012 piri ulbrich | 337 Tage Kuddelmuddel voller worte . | Mit schon 662 Beiträgen. | Manchmal mischt sich hier Fiktion mit Wirklichkeit.